WESTFALENPOST / WESTF. RUNDSCHAU Arnsberg (Print) | 23.01.2012 | Jochem Ottersbach
Dialog eines wachen Geistes mit einem zerfallenden Körper feiert eindrucksvolle Premiere
Arnsberg. Mit nicht enden wollendem trampelndem Applaus, Pfeifen, Bravo- und Hochrufen sowie rhythmischem Klatschen belohnten die Zuschauer in der ausverkauften KulturSchmiede ein 65 Minuten dauerndes, mit äußerster Dramatik und exzellenter Darstellungskunst erzeugtes Wechselbad von Gefühlen.
Bereits mit Spannung erwartet, ist es dem Teatron Theater von Ursula und Yehuda Almagor wieder gelungen, mit meisterhaftem Schauspiel und ideenreicher Dramaturgie das Publikum in den Bann zu ziehen. Dem Stück „Der Doppelgänger” liegen die letzten Lebensjahre von Heinrich Heine zu Grunde, der, als Schriftsteller und kritischer Kopf zwischen den Kulturen lebend, schwerkrank, aber mit noch wachem, schöpferisch aktivem Geist seine letzten Jahre in Paris verbrachte. Dieser Stoff begeisterte Ursula Almagor derart, dass sie aus Heines Schriften Monologe zusammenstellte, um sie mit vier dramaturgischen Darstellungsformen zu verknüpften. Der noch wache, kritische Verstand des Dichters wird von Yehuda Almagor mit eindringlichen Gebärden, Bewegungen und ausdrucksstarker Mimik verkörpert, wenn er zwischen Ländern und Kulturen lebend seine politischen, demokratischen und persönlichen Visionen mit kritischem Enthusiasmus, Leiden, Verzweiflung und enttäuschten Hoffnungen zum Ausdruck bringt. Später reflektiert er über sein vergangenes Leben, wobei die überragende Schauspielkunst Almagors die Zuschauer in ein Wechselbad von Gefühlen der Ergriffenheit, Mitgefühl, aber auch Heiterkeit taucht.
Wie ein Doppelgänger symbolisiert Manuel Quero daneben Heines zerfallenden und von Schmerzen geplagten Körper durch tänzerische Höchstleistungen auf der Bühne. Dramatische Bewegungsabläufe bis hin zu wahren Veitstänzen demonstrieren das unerträgliche Leiden, das man förmlich mitspürt, besonders wenn der exstatische Tanz abrupt abbricht. Er vermischt sich mit Gesten, die tiefe Traurigkeit und Erschöpfung symbolisieren. Hin und wieder wechselt der Schauspieler mit dem Tänzer die Rolle, wodurch die Duplizität von Heines Leben und der Dialog der Doppelgänger noch eindringlicher werden.
Das begleitende, einfühlsame Marimbaphon-Spiel von Florian Betz hebt als akustische Verkörperung der Gefühle und der wechselnden Situationen das Bühnengeschehen in eine höhere Dimension. Diese wird noch gesteigert durch den glockenklaren Gesang von Stefan Wolf, der mit von Robert Schumann vertonten Heine-Gedichten leise gefühlvoll, oft wehmütig, dann aber auch mit fast erschreckender Dramatik die dunkle Bühne erfüllt und zusammen mit dem Marimbaphon-Spiel einen mystischen Klangraum schafft: ein Kontrapunkt zum sehr lebendigen Handlungsgeschehen.
Ein schlichtes Bühnenbild beherrscht die Szenerie und besteht nur aus einem zunächst wie ein Marmorgrab erscheinenden Kasten, der dann zum Bett des leidenden Heine und schließlich donnernd sich aufrichtend zu einem Gehäuse mit Fenstern wird. Aus ihm scheint die Seele des Dichters zu entweichen, damit Körper und Geist, Tänzer und Schauspieler, im Gleichschritt das irdische Dasein und die Bühne verlassen können. Dieser neben dem Marimbaphon von Florian Betz einzige Gegenstand bildet eine Art ständig anziehenden magnetischen Pol für die Darsteller und das Geschehen auf der Bühne, insbesondere für die dramatisch Raum greifende tänzerische Entfaltung von Manuel Quero.
Als am Ende die Zuschauer meist sehr nachdenklich und eher zögerlich ihre Plätze verlassen, gelingt es kaum Jemandem, spontan seine Eindrücke zu artikulieren. „Umwerfend, anrührend, innerlich ergreifend, unheimlich bewegend”, sind erste Reaktionen. Aber auch Äußerungen wie: „Avantgardistisch in der Konzeption, sehr kreative Verbindungen und Einfälle, Verfremdungen und Kombination vieler Kunstrichtungen.” Einer bemerkte noch ergriffen vom Erlebten: „Man kriegt in Arnsberg eine Menge geboten.” Wie wahr!






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