WESTFALENPOST / WESTF. RUNDSCHAU Arnsberg (Print) | 23.01.2012 | Jochem Ottersbach

Dialog eines wachen Geistes mit einem zerfallenden Körper feiert eindrucksvolle Premiere

Von links: Yehuda Almagor, Manuel Quero, Florian Betz, StefanWolf - Foto: Ottersbach

Von links: Yehuda Almagor, Manuel Quero, Florian Betz, Stefan Wolf - Foto: Ottersbach

Arnsberg. Mit nicht enden wollendem trampelndem Applaus, Pfeifen, Bravo- und Hochrufen sowie rhythmischem Klatschen belohnten die Zuschauer in der ausverkauften KulturSchmiede ein 65 Minuten dauerndes, mit äußerster Dramatik und exzellenter Darstellungskunst erzeugtes Wechselbad von Gefühlen.

Bereits mit Spannung erwartet, ist es dem Teatron Theater von Ursula und Yehuda Almagor wieder gelungen, mit meisterhaftem Schauspiel und ideenreicher Dramaturgie das Publikum in den Bann zu ziehen. Dem Stück „Der Doppelgänger” liegen die letzten Lebensjahre von Heinrich Heine zu Grunde, der, als Schriftsteller und kritischer Kopf zwischen den Kulturen lebend, schwerkrank, aber mit noch wachem, schöpferisch aktivem Geist seine letzten Jahre in Paris verbrachte. Dieser Stoff begeisterte Ursula Almagor derart, dass sie aus Heines Schriften Monologe zusammenstellte, um sie mit vier dramaturgischen Darstellungsformen zu verknüpften. Der noch wache, kritische Verstand des Dichters wird von Yehuda Almagor mit eindringlichen Gebärden, Bewegungen und ausdrucksstarker Mimik verkörpert, wenn er zwischen Ländern und Kulturen lebend seine politischen, demokratischen und persönlichen Visionen mit kritischem Enthusiasmus, Leiden, Verzweiflung und enttäuschten Hoffnungen zum Ausdruck bringt. Später reflektiert er über sein vergangenes Leben, wobei die überragende Schauspielkunst Almagors die Zuschauer in ein Wechselbad von Gefühlen der Ergriffenheit, Mitgefühl, aber auch Heiterkeit taucht.

Wie ein Doppelgänger symbolisiert Manuel Quero daneben Heines zerfallenden und von Schmerzen geplagten Körper durch tänzerische Höchstleistungen auf der Bühne. Dramatische Bewegungsabläufe bis hin zu wahren Veitstänzen demonstrieren das unerträgliche Leiden, das man förmlich mitspürt, besonders wenn der exstatische Tanz abrupt abbricht. Er vermischt sich mit Gesten, die tiefe Traurigkeit und Erschöpfung symbolisieren. Hin und wieder wechselt der Schauspieler mit dem Tänzer die Rolle, wodurch die Duplizität von Heines Leben und der Dialog der Doppelgänger noch eindringlicher werden.

Das begleitende, einfühlsame Marimbaphon-Spiel von Florian Betz hebt als akustische Verkörperung der Gefühle und der wechselnden Situationen das Bühnengeschehen in eine höhere Dimension. Diese wird noch gesteigert durch den glockenklaren Gesang von Stefan Wolf, der mit von Robert Schumann vertonten Heine-Gedichten leise gefühlvoll, oft wehmütig, dann aber auch mit fast erschreckender Dramatik die dunkle Bühne erfüllt und zusammen mit dem Marimbaphon-Spiel einen mystischen Klangraum schafft: ein Kontrapunkt zum sehr lebendigen Handlungsgeschehen.

Ein schlichtes Bühnenbild beherrscht die Szenerie und besteht nur aus einem zunächst wie ein Marmorgrab erscheinenden Kasten, der dann zum Bett des leidenden Heine und schließlich donnernd sich aufrichtend zu einem Gehäuse mit Fenstern wird. Aus ihm scheint die Seele des Dichters zu entweichen, damit Körper und Geist, Tänzer und Schauspieler, im Gleichschritt das irdische Dasein und die Bühne verlassen können. Dieser neben dem Marimbaphon von Florian Betz einzige Gegenstand bildet eine Art ständig anziehenden magnetischen Pol für die Darsteller und das Geschehen auf der Bühne, insbesondere für die dramatisch Raum greifende tänzerische Entfaltung von Manuel Quero.

Als am Ende die Zuschauer meist sehr nachdenklich und eher zögerlich ihre Plätze verlassen, gelingt es kaum Jemandem, spontan seine Eindrücke zu artikulieren. „Umwerfend, anrührend, innerlich ergreifend, unheimlich bewegend”, sind erste Reaktionen. Aber auch Äußerungen wie: „Avantgardistisch in der Konzeption, sehr kreative Verbindungen und Einfälle, Verfremdungen und Kombination vieler Kunstrichtungen.” Einer bemerkte noch ergriffen vom Erlebten: „Man kriegt in Arnsberg eine Menge geboten.” Wie wahr!

Artikel als PDF-Datei …

Comments Keine Kommentare »

Mit Yehuda Almagor und Manuel Quero

Manuel Quero (li.), Yehuda Almagor

Manuel Quero (li.), Yehuda Almagor

Die letzten acht Jahre seines Lebens brachte Heinrich Heine in seiner „Matratzengruft“ in Paris zu, schwer krank, gelähmt, blind und doch unglaublich kreativ. Der Schauspieler Yehuda Almagor und der Tänzer Manuel Quero – Mitglied der WERKSTATTGALERIE DER BOGEN – werden die Erfahrungswelten dieses überbordenden Geistes in einem zerfallenden Körper erforschen – sie agieren als Doppelgänger, als Alter Ego des jeweils anderen. Dazu werden Stefan Wolf (Gesang) und Florian Betz (Marimbaphon) Klangräume entstehen lassen und die „Dichterliebe“ von Robert Schumann – eine Vertonung von Gedichten Heinrich Heines (Buch der Lieder) – neu interpretieren. Gedichte und Auszüge aus Briefen und Schriften Heinrich Heines und seiner Zeitgenossen bilden einen letzten Monolog des Dichters.

  • Regie und Schauspiel: Yehuda Almagor
  • Dramaturgie: Ursula Almagor
  • Choreographie und Tanz: Manuel Quero
  • Musikalische Leitung, Komposition, Marimbaphon: Florian Betz
  • Gesang: Stefan Wolf
  • Bühnenbau: Peter Jagoda

20.1.2012 | 20 Uhr – PREMIERE in der KulturSchmiede Arnsberg;
Weitere Vorstellungen 21., 22., 24.1.2012

Karten ab 15.12.2011 in den Stadtbüros Arnsberg unter 02931/893-1143 und an der Abendkasse in der KulturSchmiede Arnsberg, Apostelstr. 5, 59821 Arnsberg.

Comments Keine Kommentare »

kreuz + quer · Vernissage: 20.11.2011 · 17 Uhr

kreuz + quer · Vernissage: 20.11.2011 · 17 Uhr

Die Ateliergemeinschaft DER BOGEN lädt zur Eröffnung der Jahresausstellung am Sonntag, den 20.11.2011 um 17.00 Uhr in die Räume der Werkstattgalerie ein. (Möhnestr. 59, 59755 Arnsberg-Neheim)

Der Termin am Totensonntag ist schon zur Tradition geworden. Wenig traditionell sind die Ausstellungen als solche, denn spielerische Leichtigkeit und Experimente sind schon ein Markenzeichen für die BOGEN-Künstler geworden. Es geht ihnen auch in diesem Jahr nicht nur um die Präsentation der einzelnen “Jahresarbeitsleistungen”, sondern vielmehr um das Aufzeigen unterschiedlicher Positionen moderner Kunst. Aus diesem Grund finden die BOGEN-Künstler die themenbezogene Arbeit für die jährliche Gemeinschaftsausstellung verpflichtend, denn so wird der Rückzug in die Beliebigkeit fast unmöglich. Die Einbeziehung des Publikums gelingt dafür meistens umso mehr. So soll es auch in diesem Jahr sein.

Das Thema “kreuz + quer” legt den Verdacht nahe, dass es sich die Künstler in diesem Jahr doch mal etwas einfacher machen wollten. Das Gegenteil ist der Fall. Sie haben gemeinsames künstlerisches Schaffen als Verabredung getroffen und sich damit auf diskursive Auseinandersetzungen, harmonische Ergänzungen und das Ausloten von (nicht nur den eigenen) Grenzen eingelassen.

Was passiert beispielsweise, wenn eine Künstlerin ihre Bücher an die Kollegen weitergibt, verbunden mit der Auflage, dass sie auf keinen Fall ihren Originalzustand behalten sollen? Wie sieht eine Leinwand aus, wenn zwei Vertreter unterschiedlicher Kunstpositionen daran wechselweise gearbeitet haben? Was erwartet den Zuschauer, wenn aus der zunächst leicht dahin gesagten Wortschöpfung “kreuz und Quero” plötzliche eine Aufforderung wird?

Diese Fragen sollen am 20.11.2011 aufgelöst werden. Dann werden nicht nur die Ergebnisse, der gegenseitigen Einlassungen und Auseinandersetzungen präsentiert, sondern auch dokumentierte Entstehungsgeschichten medial inszeniert. “Was für die Künstler ein spannendes Schaffenserlebnis ist, wird wohl auch für das Publikum nicht langweilig werden…”, lautet das Versprechen der BOGEN-Künstler. Wahrscheinlich ist es, dass diese Vernissage mal wieder anders choreographiert wird.

Der Eintritt ist frei.

» Flyer kreuz + quer
» www.der-bogen.de

Comments Keine Kommentare »

20 Jahre Teatron Theater ...

20 Jahre Teatron Theater ...

Das TEATRON THEATER feiert vom 30. September bis 2. Oktober 2011 sein 20jähriges Bestehen mit einem TheaterFESTival in der Kulturschmiede Arnberg. Alle Freunde und Zuschauer sind herzlich eingeladen zu einer Retrospektive über die Arbeit der letzten 20 Jahre, einem Tanztheaterabend mit Manuel Quero und Soo-Yin Jim Heil und zu der Inszenierung „DER ZWERG“ mit Yehuda Almagor sowie zu einem großen Theaterfest mit Live-Musik.

Weitere Infos unter www.teatron-theater.de

Comments Keine Kommentare »

Impressionen in vielen Fotoserien unter www.sommergelee.de

Comments Keine Kommentare »